Home > Referenzen > Pinakothek München
 

Rennwagen im Eispanzer 


Seine künstliche Sonne lockte zwei Millionen Menschen in das Londoner Museum Tate Modern. Jetzt schickt Olafur Eliasson Kunstfreunde auch noch in die Kältekammer. Dafür bricht der dänische Künstler mit einer Tradition: Seine Vorgänger in der 1975 begründeten Reihe "BMW Art Car", darunter Andy Warhol oder Roy Lichtenstein, hatten die Autos aus München einfach nur bemalt. Der Däne ist radikaler. Er dekonstruierte den schnittigen BMW H2R-Rennwagen und versah ihn mit einem filigranen Eisgitter. Die Pinakothek in München zeigte die Eisinstallation im Frühjahr 2008 erstmals in Europa. GEA Küba lieferte die Kältetechnik-Komponenten und ermöglichte damit die „Eiszeit auf Zeit“ im Eingangsbereich des Museums. Ein Hintergrundbericht!

Bereits im Sommer 2007 stellte Olafur Eliasson die Arbeit in seinem Berliner Atelier vor. Die Premiere feierte die temporäre Eisskulptur  „Your mobile expectations: BMW H2R Project" Ende letzten Jahres im „Museum of modern Art“ in San Fransisco. Als es darum ging, den „Rennwagen im Eispanzer“ ein zweites Mal in München zu zeigen, wurde das Ausstellungskonzept grundlegend überarbeitet. Die Idee war, das Objekt inklusive notwendiger Kühltechnik als mobile Ausstellung auszulegen.

Den Auftrag bekamen die Spezialisten der Dresdener Kühlanlagenbau GmbH (DKA). „Als sich das Studio Olafur Eliasson an uns wandte, gab es schon recht konkrete Vorstellungen an die notwendige Technik und eine Vision: Kunst und Kältetechnik in mobile Container zu verfrachten“, sagt Thomas Hoffmann, DKA-Vertriebsingenieur, für den das Projekt gleich in mehrfacher Hinsicht eine Premiere war.

Mobile Tiefkühlzelle schafft Freiräume
Um der Mobilität Rechnung zu tragen, musste ein Raum im Raum geschaffen werden – eine demontierbare, transportable und ausreichend große (8,5m x 10,5m x 3,8m (BxTxH) Tiefkühlzelle   „Wir haben schon recht lange nach einem geeigneten Anbieter gesucht, der nicht nur die technischen Spezifikationen, sondern auch die künstlerischen Anforderungen erfüllte“, sagt Hoffmann. Das Studio Olafur Eliasson wollte z.B. keine reinweißen Wände, lehnte polierten Edelstahl mit Verweis auf die Lichtinstallation und den daraus resultierenden Reflexionen schlicht ab.

Beides sind Standards im Kältezellenbau. Hinzu kam, dass plötzlich das Museum hellhörig wurde. „Als man im Museum gehört hatte, dass wir mit Wasser arbeiten werden, sind massive Befürchtungen geäußert worden. Museen fürchten Wasser, weil ausströmendes Wasser die Kunstwerke zerstören könnte. Und unsere Zelle sollte ausgerechnet im Eingangsbereich und damit unmittelbar über einem Archiv aufgebaut werden“, sagt Hoffmann.

Also setzten sich die DKA-Techniker hin, überplanten die gesamte Kältetechnik noch einmal hinsichtlich größtmöglicher Sicherheit und wählten Hochleistungs-Luftkühler und –Verflüssiger von GEA-Küba. Die Komponenten trumpften mit ihrer kompakten Bauart. „Da wir keine Vergleichszahlen hatten, haben wir für die Berechnung der Kühlzelle und der notwendigen Technik Besuchergruppen von 25 Personen pro Stunde zu Grunde gelegt. Das ergab eine relativ hohe Kälteleistung für einen Tiefkühlraum dieser Größe. Dabei blieb die zwingende Aufgabenstellung hinsichtlich einer kompakten Bauart aller technischen Bestandteile bestehen“, sagt Hoffmann. Die Techniker des Dresdener Kälteanlagenbaus berechneten die Kälteleistung mit ca. 30 kW, um eine konstante Kälte von maximal -20°C zu erzeugen. Wobei der  Tiefkühlraum von -5°C bis -20°C regelbar ist.


Kühlleistung ist für 25 Besucher pro Stunde ausgelegt
An sich schon mehr als ausreichend, installierte DRK gleich zwei Verdichter der Fa. Bitzer, die als Twinverdichter verbaut sind und über eine Gesamtkälteleistung von 2 x 30KW verfügen. Sollte nunmehr ein Verdichter ausfallen, ist ein Zweiter zur Sicherung und Aufrechterhaltung des Betriebes vorhanden und schaltet sich automatisch zu. Zur gleichmäßigen Auslastung werden beide Verdichter über die Steuereinheit abwechselnd betrieben. GEA Küba überarbeitete ihre Komponenten hinsichtlich der nunmehr „redundanten“ Ausführung gründlich. Entsprechend leistungskapazitiv ist der GEA Küba-Verdampfer und der Verflüssiger für die Gesamkälteleistung von 60 KW ausgelegt. Die Kondensation erfolgt bei + 50°C, um die Ausstellung eben auch in warmen Ländern zeigen zu können.

Die Vorgabe der Mobilität schränkte die Wahl der Komponenten ein. Die Baulänge musste möglichst klein sein, das Gewicht gering, die Luftkühler leistungsstark, ohne störend auf die Besucher einzuwirken. „Leistungsstarke Verdampfer wirbeln kräftig die Umgebungsluft auf, so dass sturmstarke Böen durch den Raum ziehen. Das stört in den Kühlkammern von Bäckereien und Fleischern niemanden, Museumsbesucher fühlen sich indes davon belästigt“, sagt Hoffmann. Immerhin hat der „handelsübliche“ Verdampfer eine Luftleistung von fast 24.000 m³/h. Damit wäre die Raumluft fast 80 mal pro Stunde umgewälzt worden.

Für diese Anwendung empfahlen die Küba-Techniker stufenlos regelbare und geräuscharme Ventilatoren einzusetzen. Im hauseigenen Forschungs – und Entwicklungslabor wurde der Kühler auf Herz und Nieren vorab geprüft. Er sollte die volle Gesamtkälteleistung auch bei geringem   Luftstrom realisieren. Um den energetischen Aspekt – Olafur Eliasson ist bekennender „Ökologe“ und pochte darauf, mögliches Energieeinsparpotential auszuschöpfen – lassen sich die Verdichter über sechs Stufen zu je 10 kW entsprechend der tatsächlich benötigten Leistung für den „Permafrost“ vollautomatisch regeln.


Eineisung des Objekts dauerte drei Tage
Auch für die Außeneinheit, ein modifizierter 20` Seecontainer zur Aufnahme der Verdichter, des Schaltschrankes und des Verflüssigers, bestanden höchste Vorgaben hinsichtlich Lärm und Sicherheit. Die Twinverdichter erhielten eine Schallschutzhaube und der Rückkühler wurde mit einem Schalldruck von 42dB(A) in 5m bei einer Rückkühlleistung von 90kW  ausgewählt.  

Die Stärke dieser Systemeinheit zeigte sich, als die Projektleiterin des Olafur Eliasson-Teams mit der Eineisung des Gittergeflechts begann. Drei Tage lang bis zu 12 Stunden am Tag besprühte sie das Gittergeflecht mit vorgekühltem 5°C kaltem Wasser aus einer Sprühpistole.

Ca. 2.100 Liter Wasser wurden so vereist. Der im Raum verteilte Sprühnebel wurde vom Verdampfer aufgenommen und als Kondensat abgeführt. Das Verreisen des Gittergeflechtes konnte kontinuierlich und ohne störende Pausen für Zwangsabtauungen oder Temperaturanstiege im Raum durchgeführt werden. Ein Indiz für die korrekte Auslegung und Auswahl der Technik. Am Ende wiegt die Gesamtkonstruktion rund 3 Tonnen, ist fünfeinhalb Meter lang, gut zwei Meter breit, 1,20 Meter hoch und wird von innen erleuchtet.

Da eine Kühlzelle mit zwei Türen an sich von außen eher unspektakulär ist und die Präsentation unmittelbar im Eingangsbereich der Pinakothek der Moderne erfolgen sollte, wurde in Abstimmung mit dem Museum und dem Studio Olafur Eliasson um die Tiefkühlzelle ein weiterer Kubus erstellt. Die Hauptschwierigkeit bestand im erst kurz vor Ausführungsbeginn bekannt gegebenen Aufstellungsort – auf einer Treppe. 

Es wurde eine Bühne extra hierfür geschaffen die entsprechend fließend mit dem Kubus verkleidet sein sollte. „Die Auswahl der Bühne an sich war kein Problem. Die Lastaufnahme betrug maximal 40 Tonnen. Schwierig war, dass wir plötzlich auf drei Meter Höhe arbeiten sollten. Zu den drei Metern Bühnenhöhe kamen noch mal gut 3,50 Meter Kühlzellenhöhe, womit wir z.B. völlig neue Arbeitsschutzvorgaben erfüllen mussten,“ sagt Hoffmann.


Kühlzelle steht auf einer drei Meter hohen Bühne
Gewohnt, ebenerdig zu arbeiten, hatten die DKA-Techniker plötzlich damit zu kämpfen, 100 und mehr Kilo schwere Elemente erst einmal auf drei Meter Höhe zu hieven und diese dort wiederum auf 3,5 Meter zu hieven. „Zum Händeln der Elemente haben wir eine kleine Hebebühne kommen lassen, die mit einem Gabelstapler auf die Bühne und damit auf Arbeitshöhe gehoben wurde und anschließend aus der vollständig montierten Zelle wiederum heraus gefahren werden konnte“, so Hoffmann.

Zur Sicherheit wurde auf der Bühne, somit unterhalb der Tiefkühlzelle eine Teichfolie verlegt.  Um eventuell austretendes Wasser auffangen und abpumpen zu können, ist ein Auffangbecken samt Tauchpumpe unterhalb der Bühne installiert worden. Um Wasser auch kontrolliert ablaufen zu lassen, z.B. beim Auftauen des Kunstobjektes,  ist in der Tiefkühlzelle ein Wasserablauf mit Einleitung in das Auffangbecken vorgesehen.

Damit alle elektrischen Leitungen, Rohrverbindungen und die Wasserableitung nach außen verlegt werden konnten, hat das Museum eine Panzerglasscheibe herausnehmen und durch ein Stahlprovisorium ersetzten lassen. „Trotz aller Sicherheitsauflagen war das Museum kooperativ, sehr an der Technik interessiert und ermöglichte alles was nötig war. So wurde auch dem Wunsch des Künstlers nach Ökostrom Rechnung getragen, in dem der Hausanschluss um einen Zähler ergänzt wurde“, sagt Hoffmann.

Während der Installation waren zwei Sicherheitsleute ständige Begleiter des DKA-Teams. Denn nachdem die Museumsleitung den Einsatz von Wasser verkraftet hatte und angesichts der Vielzahl an Sicherheitssystemen ein wenig gelöst in die Zukunft sah, kam die nächste Überraschung für die Leitung der Pinakothek. „Wir mussten löten und schweißen. Das heißt offenes Feuer – im Museum., bei laufendem Betrieb. Unsere beiden Bewacher haben uns nicht mehr aus den Augen gelassen“, sagt Hoffmann.

Neben der sicheren Installation ist natürlich auch der sichere Betrieb ein Hauptaugenmerk. Die Sicherheitseinrichtungen wie ein Personennotruf, Über- und Untertemperaturwarnung, Material in Brandklasse B1, oder Ausfall der Wasserpumpe wurden mit dem Museum abgestimmt, als Warnsignale aufgeschaltet und extra mit optischen und akustischen Signalen versehen. Auch die Rufbereitschaft innerhalb von wenigen Stunden Vorort zu sein, ist mit dem Büro München des Dresdner Kühlanlagenbaues vereinbart worden.


Die gesamte Kühltechnik passt in drei Frachtcontainer
Die gesamte Kühltechnik inklusive Zelle passt ín drei Frachtcontainer und lässt sich binnen kürzester Zeit, ca. 10 Werktage montieren und in Betrieb nehmen sowie in 5 Tagen demontieren und verpacken. Zur Zeit steht die Ausstellung reisefertig bei der BMW AG in München und wartet auf den nächsten Einsatz.

Der künstlerische Anspruch: Der Betrachter seines Art Cars soll ins Nachdenken kommen, was denn die Erderwärmung und die CO2-Problematik mit seinem ganz individuellen Mobilitätsverhalten zu tun haben könnten.

Zu diesem Zweck dekonstruierte Eliasson zunächst den BMW-Wasserstoff-Rennwagen H2R, mit dem die Münchner diverse Rekorde aufgestellt hatten: der Künstler entfernte die windschlüpfrige, silbrig schillernde Karosserie aus Glas-Kohlefaser-Verbundmaterial und stülpte ein filigranes, mit Metallplättchen garniertes Stahlgerüst über die nun offen liegende Technik des Rennwagens. Dieses Gebilde wurde anschließend mit Wasser besprüht, so dass sich ein Gitterwerk aus Eis bildete.

Die Dresdener Kühlanlagenbau GmbH ist ein international tätiger Spezialist. Das Unternehmen  hat Tochtergesellschaften in Polen, der Ukraine und Polen, ist in Moskau und Dubai vertreten. Die 580 Mitarbeiter erwirtschafteten im letzten Geschäftsjahr knapp 80 Millionen Euro. „Mit GEA-Küba arbeiten wir seit Jahren sehr erfolgreich zusammen. Der Support ist klasse. Die Techniker denken lösungsorientiert und liefern auf den Anwendungsfall zugeschnittene Komponenten, die verlässlich arbeiten“, sagt Hoffmann.